Eigene Entwicklung wagen

Unangreifbar und nicht verletzbar zu sein, ist für die meisten Menschen sehr wichtig. Gesellschaftlich gelernt wird nicht nur von Männern, dass es gleichbedeutend mit Schwäche ist. Die Angst vor Verletzlichkeit führt aber auch zu mittelmäßigen Zielen, aus Angst vor höheren Zielen, die evtl. mit einem Scheitern verbunden sein könnten. Wer sich für seine Ideen und Ziele hingebungsvoll einsetzt, ist immer auch Kritik und Spott ausgesetzt, zumal, wenn es neue Ideen sind. Sich mit anderen Menschen verbunden zu fühlen, ist jedoch als Grundbedürfnis in unserem Gehirn angelegt und die Basis für ein gesundes menschliches Leben und in der Folge wird alles, was diese Verbundenheit gefährden könnte, stark kontrolliert.

Daneben steht das Grundbedürfnis nach Wachstum und Entwicklung, das aber häufig schon in früher Kindheit zurückgestellt wird, um nicht die Verbundenheit mit den engsten Bezugspersonen zu gefährden. Auch in späteren Jahren wird Engagement stark daraufhin geprüft, wie hoch die emotionalen Risiken für die menschlichen Beziehungen sind. Hintergrund ist meist das Gefühl, an irgendeiner Stelle nicht gut genug zu sein. Daraus entsteht Scham, und in der Folge werden Risiken nur unter Kontrolle eingegangen, man fährt quasi mit angezogener Handbremse.

Aus dieser Motivation entsteht auch Perfektionismus, mit dem Ziel alles richtig zu machen, um sich nicht dafür schämen zu müssen. Perfektionismus ist eine Schutzstrategie, mit dem Ziel Bestätigung zu erhalten, und damit auch nicht der Schlüssel zum Erfolg, da es überhaupt nicht um die Leistung geht. Selbstmitgefühl erweist sich als eine Strategie mit eigenen Fehlern und Schwächen liebevoll umzugehen, so wie man es bei einem Freund täte.

Neben Perfektionismus erkennt man als Leser andere „Schutzschilde“ gegen Verletzlichkeit, wie z.B. mit düsteren Vorahnungen „seiner Freude nicht zu trauen“, nach dem Motto, „das dicke Ende kommt noch“. Als Strategie im Umgang beschreibt die Autorin wie sich Freude und Dankbarkeit erlernen lassen.

Scham erweist sich als universelle menschliche Emotion aus Angst vor dem Verlust der Zugehörigkeit und äußert sich auf vielfältige Weise. Narzissmus und überhebliches Verhalten haben hier ihre Wurzeln. Damit wird versucht, die aus einem selbst verschuldeten Verhalten resultierende Scham einem Anderen zuzuweisen.

Brené Brown, Professorin und Vortragsrednerin, ist seit ihrem TED-Talk über Verletzlichkeit Millionen von Menschen bekannt. Sie stellt in unzähligen Befragungen und Gesprächen fest, dass das Thema Verletzlichkeit Männer in besonderer Weise berührt.

Dass Scham beim Frauen und Männern unterschiedliche Ausprägungen hat, ist gesellschaftlich bedingt. Frauen sollen als Geschäftsfrau, Hausfrau, Ehefrau und Mutter gleichermaßen lieb, nett und leistungsfähig sein. Wenn Männer Scham darüber empfinden, nicht gut genug zu sein, schlägt diese, gesellschaftlich eher anerkannt, in Wut um. Frauen fordern von ihren Männern Emotionalität und Verletzlichkeit ein, gleichzeitig aber schrecken sie nach Erkenntnissen von Brené Brown mit Enttäuschung und Verachtung zurück, wenn ihre Männer statt stärke Schwäche zeigen. Brown kommt zur Erkenntnis: „Wir (Frauen) sind das Patriarchat…“

Dieses 2013 erstmals in Deutsch erschienene Buch war für mich eine echte Entdeckung und vermutlich gibt es niemanden, der sich nicht an irgendeiner Stelle wiedererkennt. Verletzlichkeit verbindet Menschen aber auch miteinander und kann eine gute Strategie sein, unbeirrt und engagiert den eigenen Weg zu gehen oder wie Theodore Roosevelt in der Einleitung zitiert wird: „Es ist nicht der Kritiker, der zählt… Die Anerkennung gehört dem, der wirklich in der Arena ist… und der, im schlechtesten Fall des Scheiterns, zumindest dabei scheitert, dass er etwas Großes gewagt hat…“

Fazit: ein bemerkenswertes Buch, das zu mancher Selbsterkenntnis führt und konkrete Anleitung zur eigenen Entwicklung gibt.