Altern des weiblichen Gehirns- eine Frage der Hormone

Wozu brauchen Sie ein Buch über das weibliche Gehirn? Aus der Gehirnforschung sind nur wenige geschlechtsspezifische Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Gehirn bekannt. Der Temporallappen (Schläfenlappen) beispielsweise ist bei Männern massiger als bei Frauen, hier sitzt die Selbstwahrnehmung, auch Ego genannt. Bei Frauen ist der Frontalcortex massiger und unterstützt die Kontrolle der emotionalen Reaktionen. Die Unterschiede in der Gehirnstruktur sind also eher marginal und haben nur Auswirkungen auf die Ausprägung des Verhaltens. Was allerdings in der männlich dominierten Welt der Gehirnforschung weitgehend ignoriert wird, ist die Rolle, die die Hormone im Neurotransmitter-Stoffwechsel spielen.

Sowohl Männer als auch Frauen bilden aus Cholesterin als Grundsubstanz die sog. Steroidhormone, die Geschlechtshormone. Daraus entsteht über Pregnenolon als Vorstufe im nächsten Schritt Progesteron, aber auch DHEA, das oft als Jungbrunnenhormon bezeichnet wird. Daraus entstehen in der Folge u.a. Cortisol als wichtiges Stresshormon vor allem bei Dauerstress und Testosterol. Letzteres ist Ausgangsstoff für die Bildung von Testosteron und von Östradiol, dem stärksten Hormon in der Gruppe der Östrogene.
Beim ab Mitte 30 beginnenden Alterungsprozess sinkt bei Frauen zunächst das Östradiol, was die Zell- und Hautalterung beschleunigt. Mit Beginn der Menopause geht dann auch das Progesteron in den Keller, das nicht nur im Körper eine beruhigende Wirkung hat, sondern als Neurotransmitter im Gehirn wirkt. Dort dockt es an den Rezeptoren für GABA an, dem einzigen beruhigenden Neurotransmitter im Gehirn.

Dr.Lisa Mosconi arbeitet als Neurowissenschaftlerin und Nuklearmedizinerin und beschäftigt sich aus familiären Erfahrungen heraus intensiv mit der Erforschung von Veränderungen im Gehirn, die sich mit Eintreten der Wechseljahre beschleunigen. Bei Demenzerkrankungen sind von 3 Betroffenen 2 Frauen. Durch die zurückgehende Stoffwechselaktivität legen Frauen nicht nur leichter an Gewicht zu, auch der Alterungsprozess wird dadurch beschleunigt. Natürlich findet der Prozess der hormonellen Veränderung auch bei Männern statt, er beginnt früher, verläuft aber sehr viel langsamer.

Stress hinterlässt in den Wechseljahren ebenfalls seine Spuren, denn die Bildung von Cortisol hat immer Vorrang. Das Überleben ist in der Evolutionsgeschichte wichtiger als ein gesundes Gehirn. Zudem hat Frau aus Sicht der Evolution mit Verlust der Fruchtbarkeit keinen großen Nutzen mehr.

Aus den hormonellen Risiken entstehen in der Lebensmitte für Frauen in der Folge massive körperliche Beschwerden und Krankheitsrisiken. Stille chronische Entzündungen nehmen lebensstilbedingt zu und verstärken den kognitiven Abbau. Lisa Mosconi kommt zum Schluss, dass 80 Prozent aller Frauen durch die Wechseljahre zudem ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen haben. Sie untersucht die Wirkung von Hormonersatztherapien und zitiert Studien, wonach „…bei jüngeren Frauen im Alter von 50 bis 59 Jahren jene, die Hormone einnahmen, ein um 30 bis 44% geringeres Alzheimer-Risiko hatten als jene, die keine Hormone einnahmen.“

Lisa Mosconi beschäftigt sich auch mit der Frage der richtigen gehirngerechten Ernährung und betont den Stellenwert der Kohlenhydrate. Dies scheint nicht ihr Spezialgebiet zu sein, denn längst warnen Mediziner nicht nur gluten-sensitive Menschen vor dem Verzehr von Kohlenhydraten, weil diese als Zucker oder Fructose verstoffwechselt werden. Zudem werden Fettsäuren ebenfalls in den Energiestoffwechsel (Acetyl-CoA) eingeschleust und erreichen das Gehirn ohne die Problematik der Entzündungsförderung.
Auch Nahrungsergänzungen (Mikronährstoffe) spielen in der Lebensmitte eine zentrale Rolle. Ihr Gehalt in Lebensmitteln ist in den letzten Jahrzehnten drastisch gesunken und daher sinkt die Produktion lebenswichtiger Enzyme, die an allen Stoffwechselvorgängen beteiligt sind. Eine Nahrungsergänzung ist somit nicht nur für Frauen unumgänglich. Lisa Mosconi beschreibt, allerdings sehr lückenhaft, eine Reihe von Nahrungsergänzungen, die keinesfalls ausreichend sind für einen gesunden Stoffwechsel von Körper und Gehirn.

Fazit: ein vor allem im 1.Teil sehr lesenswertes Buch, das sich mit den speziellen Veränderungen im weiblichen Gehirn und Körper auseinandersetzt. Dieser Teil ist umfassend und sehr informativ. Der 2. und 3.Teil hingegen sind für mich inhaltlich nicht ausreichend. Zum Thema gesunde Ernährung und Nahrungsergänzungen gibt es einige qualitativ wesentlich bessere Titel. Dennoch lohnt sich dieses Buch für jede Frau und jeden, der eine Frau in seiner Familie hat, weil es die weit unterschätzte Rolle der Hormone exzellent beschreibt und in diesem Punkt unverzichtbar macht.